Scheffold-Gymnasium

Schwäbisch Gmünd

Von deutscher Pünktlichkeit und schwäbischen Maultaschen – Eindrücke von unseren sechs argentinischen Austauschschülern

Zwölf Beinpaare eilen zielstrebig, den eisigen Minusgraden zum Trotz, über den Bahnhofsplatz. Sei es nun aus Hektik oder im Kampf gegen die Kälte – das Ziel ist klar anvisiert: das Stadtzentrum! Die Eisarena am Oberen Marktplatz fürs ultimative Wintervergnügen soll das eingefrorene Blut etwas in Wallung bringen. Wo im Dezember noch Bratwurst und Glühwein genossen werden konnten, erfreuen sich sechs argentinische Jugendliche mit ihren deutschen Tauschpartnern nun an den Kufen, die übers Eis gleiten.

Seit Dezember 2018 sind am Scheffold-Gymnasium sechs argentinische Austauschschüler zu Gast, drei heranwachsende Damen und Männer im Alter zwischen 15 und 16 Jahren. Für Coni, Marina, Sofia, Alex, Lita und Manuel neigt sich in diesen Tagen ihr lang ersehnter Deutschlandbesuch bereits dem Ende – im Gepäck auf dem Weg nach Hause werden sie neben manchen Präsenten und Leckerbissen viele Eindrücke zurück mit nach Buenos Aires nehmen.

Aus argentinischer Perspektive betrachtet, wirkt die Deutsche Bahn, mit der sie gerade von einem Ausflug zurück nach Gmünd gefahren sind, überpünktlich. „Das deutsche Zugsystem gefällt mir gut. Die Züge sind immer pünktlich und schön. Und es gibt Apps mit den Fahrplänen“, lobt Coni die Transportmöglichkeiten in die Stauferstadt. In Buenos Aires gebe es in den ländlichen Raum hinaus kein sonderlich ausgebautes Schienennetz, Tickets mittels einer App zu lösen, sei gar unmöglich. Alex ergänzt, dass er das Klischee der pünktlichen Deutschen immer wieder erlebt habe. Pünktlichkeit wird als struktureller Vorzug wahrgenommen. Deutsche Ordnung und Sauberkeit gilt als nachahmenswert. Freier wird auf der anderen Seite der Umgang mit Smartphones im argentinischen Schulalltag gehandhabt: „In Argentinien darf man im Unterricht immer, wenn man will, das Handy benutzen“, vergleicht Manuel den Schulalltag mit dem in Deutschland mit süffisantem Unterton – gleichzeitig räumt er ein, dass das für mehr unnötige Ablenkung sorge.

Und wie sieht es mit weiteren Erwartungen aus, wurden sie erfüllt oder enttäuscht? Seit ihrer Kindergartenzeit lernen die Jugendlichen Deutsch und verfügen über einen beachtlichen Wortschatz. Gehofft haben die Argentinier auf Schnee – und wurden im neuen Jahr damit erfreut. Aus dem Unterricht kennen sie Deutschland als Land der Sicherheit, „wo man sich nachts auch mal alleine bewegen kann und keine Angst haben muss“, bestätigt Marina ihre Erwartungen. Etwas befremdlich mutet jedoch die so genannte „Schwäbische Herzlichkeit“ an – für Einwohner aus Südamerika, die jeden Fremden immer mit dynamischer Euphorie und oft mit einer herzlichen Umarmung im Stadtzentrum begrüßen, wirkt es bisweilen kühl und reserviert, wenn man sie auf dem Marktplatz nicht sofort zum Essen einlädt. Kurioserweise werden die sechs kurze Zeit später von einem in Gmünd lebenden Amerikaner tatsächlich zum Pizzaessen eingeladen, weil er in der Tagespost von ihrem Besuch gelesen habe.

Kulturelle Unterschiede wurden vor allem an Weihnachten und Neujahr deutlich. Während in Argentinien an Heiligabend Asado, also Gegrilltes, gegessen und um 0:00 Uhr die Bescherung gefeiert wird, „endet in Deutschland alles schon um 0:00 Uhr und man singt viele Lieder“, kommentiert Lita. In Argentinien feiere man mit der Familie bis morgens um 3:00 Uhr und nicht selten würden Feuerwerkskörper gezündet. Andrerseits gibt es bei eher tropischen Temperaturen nur Plastikweihnachtsbäume, die bereits zu „Mariä Empfängnis“ am 8. Dezember aufgestellt werden. Tannenduft und der Deutschen traditioneller Baumschmuck wurde dabei als besonders wohltuend erlebt. „Auch Silvester hier ist anderes, man feiert es mit Freunden und nicht wie in Argentinien mit der Familie“, benennt Sofia einen weiteren Unterschied.  

Auf Nachfrage, welche typisch schwäbischen Wörter sie während ihres Aufenthalts gelernt hätten, landet man schnell im Bereich der Kulinarik. „Spätzle“ haben alle sechs kennen gelernt und ganz oben auf ihre Liste der leckersten Mahlzeiten gesetzt. Marina isst zum Frühstück das „Weckle mit Gsälz“ am liebsten. Wörter wie „schwätzen“ und „bissle“ hat der ein oder andere sogar schon in seinen aktiven Wortschatz aufgenommen. Nur das Schwäbische „isch“ wird von allen nach wie vor konsequent ignoriert und durch ein korrektes „ist“ realisiert. 

So bleibt nur noch die Frage offen, was die deutschen und argentinischen Jugendlichen in ihrer Freizeit am meisten eint? Das Streamen von Serien über Kanäle wie Netflix. Im Kreise der Gastfamilien, in denen sich alle sechs ausgesprochen wohl fühlen, zählt diese Beschäftigung des Abends immer wieder zum Programm mit Chill-Faktor.    

Neue Freunde, die Gastfamilien sowie zahlreiche Tagestouren werden sie zu Hause in Buenos Aires am meisten vermissen, so die Argentinier. Sie freuen sich schon auf den Gegenbesuch der Scheffold-Schüler im April oder Mai, initiiert durch Schulleiter Bernd Gockel, der dort jahrelang unterrichtet hat. Bis zu ihrer eigenen Abreise wollen die Jugendlichen noch ausgiebig deutsches Essen schlemmen. „Maultaschen! Maultaschen sind das Beste überhaupt!“, schwärmt Lita abschließend mit leuchtenden Augen.